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Samstag, 04 Mai 2013 15:18

Hommage an das Kaltblut

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ein Vertreter von HANSI ein Vertreter von HANSI Bildquelle: Fotolia

Dieser Beitrag ist HANSI und FLORA gewidmet, zwei Rheinische Kaltblüter, die bei meinem Onkel Franz im schönen bayrischen Voralpenland den Dienst des Baumrückens zu verrichten hatten.
Die Waldarbeit stellt in Bayern auch heute noch ein Großteil der anfallenden ländlichen Arbeit dar; denn die weitläufigen Wälder befinden sich hauptsächlich in Privatbesitz. Der Wald ist eine Kapitalanlage, der Rendite abwerfen muss - sprich Bäume werden gefällt und verkauft. Und hier nun treten dann die Kaltblutpferde auf die Bühne.

In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts bildete das Rheinische Kaltblut ca. 50 % des damaligen Pferdebestandes in Deutschland. Aber mit Fortschreiten der Motorisierung auch und gerade in der Landwirtschaft, wurden sie immer seltener. Selbst in den 60igern gehörte es schon zur Seltenheit einen Landwirt mit seinen Pferden arbeiten zu sehen.

Der bekannte Fachbuchautor Jasper Nissen beschreibt den Rheinischen Kaltblüter in seinem Werk "Welches Pferd ist das?" wie folgt: "Kräftiges Kaltblutpferd für jeden Zweck. Beweglich, leichtfuttrig, intelligent, von gutmütigem Charakter und ruhigem Temperament. Schwerer, breiter, gerader Kopf mit gutmütigem Ausdruck, breiter, starker, gut angesetzter Hals mit stark entwickelter Mähne. Widerrist ganz in starke Muskulatur eingebettet. Kräftiger, gerader, kurzer Rücken, gewölbte kurze Nierenpartie mit gut herangeschlossener leicht abfallender, oft gespaltener Kruppe. Breite, tiefe Brust. Gepackte schräge Schulter,gewölbte Rippen, deutlich ausgeprägte Hosen, kräftige Gelenke und Sehnen. Kurze massive Röhren nicht zu kurz gefesselt. Gute, gesunde Hufe. Farbe meist braun, Braun-oder Fuchsschimmel, Größe 160 - 165 cm Stockmass. Mechanik: gerader, räumender Schritt, oft erheblliches Trabvermögen."

Pferdelaien werden nun doch über viele dieser Fachausdrücke die Stirn runzeln. Am Beispiel meines guten HANSI möchte ich einige dieser Fachausdrücke näher erläutern:

"Kaltblüter" nennt man die schweren Arbeitspferde nicht weil sie etwa kaltes Blut haben! Bei Pferden unterscheiden wir vom Vollblut (englisches, arabisches oder anglo-arabeisches Vollblut) oder Warmblut zum Kaltblut.

Vollblüter sind die edelsten, durchgezüchtesten Pferde, sensibel und temperamentvoll (z.B. Rennpferde). Es gibt unzählige Warmblutrassen (z.B. Hannoveraner, Trakehner, Württemberger, Westfalen usw.usw). Warmblüter sind Zuchtpferde aus bodenständigen Pferderassen gekreuzt mit Vollblütern. Warmblüter stellen wohl heute die weit verbreiteste Gattung dar, da sie für alle Aktivitäten geeignet sind: ob für den Spring- und Dressursport, Military, Fahrsport oder einfaches Freizeitreiten. Sie sind vom Temperament und im Umgang meistens angenehm. Die schweren Arbeitspferde, eben die Kaltblüler, vergleicht man am besten mit einem LKW: langsam im Anzug und mit viel Kraftaufwand bis die Masse endlich in Schwung ist. Doch einmal in Fahrt, hält sie nichts so leicht auf. Man sieht also, dass die Bezeichnung Voll- Warm- und Kaltblut nichts anderes als spezifische Charaktereingeschaften sind.

Doch nun zurück zu HANSI und zu den versprochenen Erklärungen des Fach-Lateins.

"Kraftiges Kaltlblutpferd für jeden Zweck". Nun, dass HANSI kräftig im wahrsten Sinne des Wortes war, ist in Anbetracht seiner Arbeitsaufgabe - nämlich tonnenschwere Baumstämme durch die Gegend zu ziehen - wohl selbstverständlich. Vor meinem Auftauchen in seinem Leben, war eben diese Aufgabe auch seine einzige. Ich brachte Abwechslung in sein Dasein, die er meistens auch sichtlich genoss. Für mich war HANSI Versuchskarnickel meiner ersten "Reitkünste" (ich war 10 Jahre alt), Schmusetier, Seelentröster bei Heimweh, Vertrauter und Opfer stundenlangen Putzens. Niemals war er schlecht gelaunt und er freute sich über meine Anwesenheit. Sein gutmütiger Charakter und sein ruhiges Temperament erlaubten mir meine allerersten Erfahrungen am "lebenden Objekt", ohne je Schaden zu nehmen.

"Beweglich, leichtfuttrig, intelligen": kam man in den Stall und sah die beiden Riesen angebunden in ihrem Stand, konnte man nicht ahnen, mit welcher Beweglichkeit und Geschicklichkeit sich diese schweren Tiere ihrer Arbeit stellten. Ihr Leistungswillen war enorm und es genügten kurze Zurufe seitens des Lenkers um wahre Millimeterarbeit durch das Gewirr der Baumstämme zu meistern. Oft dachte ich, die Sehnen und Muskeln, die beim Ziehen der Lasten fingerdick unter dem Fell hervortraten, müssten jeden Moment platzen - was sie natürlich nicht taten. "Leichtfuttrig" ist ein Pferd dann, wenn relativ geringe Mengen Futter genügen den Leistungsbedarf zu decken und "rund" - also gut genährt - aussieht. Das traf bei HANSI und FLORA auf jeden Fall zu.

"Intelligent": Also Intelligenz bewies HANSI täglich im Wald, denn hier wurde von ihm "mitdenken" erwartet. Ansonsten hätte er wahrscheinlich ganz schnell den Hof verlassen müssen. Intelligenz und Gutmütigkeit bewies HANSI mit Sicherheit auch bei meinen Ausritten mit ihm. Diese durfte ich nämlich ganz alleine mit ihm machen! Damals rollten noch nicht die Autokolonnen der "Münchner Invasion" durch das sonntägliche Dorf, so dass die größten Gefahren auf der Strecke mal ein entgegenkommender Traktor war - und vor solchen hatte HANSI natürlich keine Angst. Er wusste ganz genau, dass ich Dreikäsehoch auf seinem Rücken unsicher war und ein manches Mal natürlich auch die Balance verlor. Wenn dies der Fall war, blieb er geduldig stehen, schaute sich um, sah mich an und schien zu fragen: "bist du wieder ok? Können wir weiter?" Er war ein echter Schatz und mit Gold nicht aufzuwiegen.

Seine Gefährtin FLORA war da schon aus etwas anderem Holz geschnitzt. Vor ihr hatte ich großen Respekt. Sie war nicht bereit alles war mir einfiel mit sich machen zu lassen. Das soll nun nicht heißen, dass FLORA etwa bösartig war. Vielleicht lag es einfach daran, dass sie eben eine Stute war und für meine Zuneigung einfach nicht so empfänglich wie ihr männlicher Kollege. Ihre Zickigkeit tat sie schon mal mit einem Rumpler kund oder sie gab mir nicht bereitwillig den Huf zum Säubern. Ab und zu bekam ich auch ihren Schweif schmerzhaft zu spüren. Diese Faxen ließ sie jedoch sofort sein, wenn Onkelchen im Stall auftauchte. Da genügte nur ein Wort: "FLORA" und schon war sie ein Engel im Pferdegestalt.

Doch nun weiter zu der "Übersetzung" des Exterieurs = des äußeren Erscheinungsbildes des Rheinischen Kaltblutes. Spezifisch wieder auf HANSI bezogen.

Obwohl er wirklich einen schweren, breiten Kopf hatte, so passte dieser jedoch im äußeren Erscheinungsbild und Proportion zum gesamten Pferd. Der breite, muskulöse Hals diente mir mehr als einmal als Rettungsanker vor einem drohenden Sturz aus einer Höhe von immerhin 165 cm. Auch die dichte Mähne, in die ich mich mehr als einmal festkrallte, diente dem gleichen Zweck.

Der Widerrist ist der höchste Punkt des Rückens, gleich am Übergang vom Hals zum Rücken. Die Kruppe (Übergang vom Rücken zu den hinteren Extremitäten - also der Popo) hatte in der Mitte eine kleine Einkerbung, eine sogenannte gespaltene Kruppe. Um viel Platz für ein großes starkes Herz und leistungsfähige Lungen zu haben, ist eine breite, tiefe Brust notwendig. "Gepackte", also bemuskelte Schultern und ausgeprägte "Hosen" (Oberschenkel) waren bei HANSI genauso selbstverständlich, wie kräftige Gelenke und Sehnen.

FLORA und HANSI entsprechen jedaoch nicht dem Farbstandard. FLORA war ein leuchtendroter Dunkelfuchs mit hellem Behang (sehr attraktiv!) und HANSI hatte ein falbfarbenes Fell mit schwarzem Behand - Mähne und Schweif.

Bezüglich des "erheblichen Trabvermögens" kann ich anhand einer kleinen Anekdote Jasper Nissen nur zustimmen:

Eines Tages startete ich mit HANSI zu einem kleinen Ausritt. Ich plante nur im Schritt ein wenig durch die Wälder zu streifen, da er eine sehr anstrengende Arbeitswoche hinter sich hatte. Im Allgemeinen war HANSI über einen Schlenderschritt dankbar - man muss sich ja schließlich nicht freiwillig verausgaben. Doch an diesem bewussten Tag strich ein lebhafter Wind über die sanften Hügel und rauschte mächtig in den Bäumen. Bis heute weiß ich nicht, was der Wind dem HANSI zugetragen hatte. Plötzlich blähte er seine großen Nüstern wie ein feuriger Vollblüter, prustete und schnorchelte, dass es nur so dröhnte. Seinen gestutzten Schweif hoch aufgerichtet, der mächtige Hals gewölbt, wie bei einem Henst auf Freiersfüßen, stob er plötzlich im Renntrab los. Mir kleinem Würstchen obenauf wurde heidenangst. Dies war nicht mehr mein gutmütiger HANSI, das war eine außer Kontrolle geratene Dampfwalze!

Kurz gesagt - an ihn war nicht mehr heranzukommen. Weder mit guten Worten (hoh-hoh - vielleicht war meine Stimme vor Angst etwas zu schrill), noch mit Zerren am Zügel (er biss sich ganz einfach auf dem Gebiss fest). Er preschte mit mir im Stechtrab durch die Lande. Es war schieres Glück, dass weder ein Auto, noch ein Radfahrer oder Fußgänger unseren Weg kreuzte - die hätten wir einfach niedergemacht! Eine sehr kleinlaute Reiterin sprang mit zitternden Knien auf dem Hof vom dampfenden Ross. Denn dorthin trug mich mein Streitross ohne mein Zutun. Erst nach Tagen, nachdem mein Selbstbewusstsein wieder hergestellt war, wagte ich mich wieder auf seinen Rücken.

Zu bedauern sind alle Kinder, die so etwas niemals erfahren dürfen, die nur in sogenannten Streichelzoos die Gelegenheit haben, einmal ein Pony, eine Kuh, ein Schaf oder ein Häschen anfassen zu dürfen. Kinder, die nie mit einem Traktor, stolz wie ein Spanier, über den Acker oder die Wiese tuckern dürfen, den würzigen Geruch des frisch gemähten Grases oder die vom Pflug umgebrochene Erde riechen können. Sich mit Wollust im Heu wälzen oder nie das Wunder einer Fohlengeburt erleben dürfen. Von ganzem Herzen bedauere ich alle Menschen, ob jung oder alt, die dies noch nie erlebt haben.

Irgendwann Angang der 70er zog auch bei meinen Bayern endgültig die Technik ein. Mein Onkel Franz war gebrechlich geworden und konnte nicht mehr mit seinen geliebten Rössern in den Wald. Die Sorge, dass er verletzt werden könnte, veranlasste seinen Sohn, die Pferde wegzugeben.

Noch heute sehe ich ihn oft vor mir, meinen Onkel Franz, wie er vor dem Haus auf der Bank in der Sonne saß und vor sich hin träumte, oft in der Erinnerung an seine Rösser. Leider erlebte er nicht mehr den Einzug von edleren Pferden auf seinem Hof - doch das ist eine andere Geschichte.

Vielleicht schaut er vom Himmel herunter, die Havanna im Mundwinkel und feut sich darüber, dass seine Nachkommen die Liebe zum Pferd geerbt haben und fröhliches Wiehern den Hof wieder belebt.

Letzte Änderung am Montag, 15 Juli 2013 12:45

1 Kommentar

  • Kommentar-Link Heike Bruno Sonntag, 05 Mai 2013 11:28 gepostet von Heike Bruno

    Hallo Christa,
    konnte mir ein Lachen bei der Vorstellung nicht verkneifen, wir Du als Stöpsel mit der Dampfwalze durch die Ortschaft gerollt bist.

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